Es ist allerdings keine gewöhnliche Musik, welche die Patienten hier zu hören bekommen. Vielmehr sind es schallmodulierte Wellen, die in die Musikstücke von Abba oder den Beatles eingearbeitet sind und das autonome Nervensystem stimulieren. Durchgeführt wird die Musiktherapie (AVWF) von Therapieleiter Gilbert Feja, der genau beobachtet und dokumentiert, wie sich die Musik auf die Patienten auswirkt. Ärztlich begleitet wird das Modellprojekt von Dr. med. Jürgen Volk, Hüttenberg.
Aber was ist das Geheimnis dieser Musik, die mittlerweile im Spitzensport ein fester Bestandteil in der Vorbereitung von Olympiasiegern ist und auch in der Behandlung von Kindern mit Lernstörungen sehr erfolgreich eingesetzt wird. Der theoretische Hintergrund, so zu sagen die “Tür“ zum autonomen Nervensystem, liegt im Musculus stapedius. Hier verlaufen Fasern des Nervus Vagus, ein bislang weitestgehend unbekannter Umstand, der es ermöglicht, einen Zugang zum Gehirn zu schaffen.
Die von Ulrich Conrady in langjähriger Forschungsarbeit entwickelten Schallwellen signalisieren dem Gehirn während der 10 einstündigen Therapieeinheiten permanent „Sicherheit“. Die modulierten Schallwellen ermöglichen den Patienten, auf Hirnareale und Hirnfunktionen zurückzugreifen, welche durch das traumatische Ereignis (Schlaganfall, Unfall, Blutungen etc.) nicht zerstört sind, aber auch von den Patienten aufgrund dieses Ereignisses mit seinen
komplexen Folgen nicht genutzt werden können.
Bei einer Vielzahl der an der Therapie teilgenommenen Patienten ist es innerhalb kurzer Zeit zu Verbesserungen in der Motorik, der Sprache sowie der Kontakt- und Konzentrationsfähigkeit gekommen, wie wir sie in unserer langjährigen Betreuung und Erfahrung im Umgang mit neurologisch schwerstkranken Menschen nicht für möglich gehalten hätten, berichtet Gilbert Feja. Weiterhin ist zu beobachten, dass bestehende Ängste überwunden wurden, die die Patienten in die Lage versetzten, aktiv oder passiv an anderen Therapien, Projekten oder Gruppenaktivitäten teilzunehmen.
Das Haus Minneburg in Wetzlar, das sich bereits seit 1988 im Bereich der neurologischen Intensivpflege, Phase F, spezialisiert hat, betreut 34 Menschen mit schwersten erworbenen Hirnschädigungen (Phase F), 15 dauerbeatmungspflichtige Patienten sowie 35 Bewohner die auf Grund unterschiedlichster Erkrankungen pflegebedürftig sind.
Die Pflege und Betreuung der Patienten und Bewohner beruht auf einer therapeutischaktivierenden Pflege. Die gemeinsame Umsetzung der Ziele, unter Einbeziehung verschiedenster Therapiekonzepte, durch die Mitarbeiter der Pflege sowie der eigenen Therapieabteilung ist die Grundlage der Konzeption des Hauses Minneburg.
Die Wiedererlangung verloren gegangener Fähigkeiten durch individuelle und kontinuierliche Förderung ist ein wesentlicher Aspekt, höchstmögliche Lebensqualität für die uns anvertrauten Menschen zu erreichen. Die Musiktherapie (AVWF) ist hierzu ein weiterer wichtiger Baustein. Alle Beteiligten sind durch viele deutliche Erfolge darin bestätigt, diesen neuen Weg gegangen zu sein.
Für die Patienten und deren Angehörige bedeutet dies einen riesigen Schritt nach vorne und Mut und Hoffnung auf ein Leben, das zwar immer noch von der Erkrankung bestimmt wird, aber mit einer deutlich verbesserten Qualität und seelischen Verfassung gelebt werden kann.